Uwe D. Minge

 

„Kapitän, äh... wie war doch gleich der Name?" Diese Antwort bekomme ich nur zu häufig, wenn die Rede auf Kapitän Frederick Marryat kommt und mein jeweiliger Gesprächspartner guckt mich aus großen erstaunten Augen an. Das ist sehr oft der Fall, wenn ich im Laufe einer Diskussion die Meinung vertrete, dass wirklich gute Romane über die Seefahrt und Seeleute nur von Männern geschrieben werden können, die selbst aktiv zur See gefahren sind. Als Beispiele führe ich dann Frederick Marryat, Joseph Conrad, Herman Melville, Richard Dana und aus neuerer Zeit Richard Woodmann und Dewey Lambdin an (der ist zwar kein Profiseemann, aber seit seiner Jugend passionierter Segler!). Das Erstaunen meines Gegenübers wird noch größer, wenn ich ihm klar mache, dass Marryat der Urgroßvater aller moderner maritimer Schriftsteller ist – Die Odyssee des großen Homer wollen wir heute nicht bemühen. Die Söhne Marryats und legitimen Erben sind Dana, der 1840 Two Years Before the Mast herausbrachte, Melville, von dem 1846 das erste Buch erschien. Ihm verdanken wir zwei Perlen der maritimen Literatur, nämlich Moby Dick und White Jacket. (Es ist nicht ohne eine gewisse Pikanterie, dass von Moby Dick während Melvilles Lebenszeiten nur etwa 3.000 Exemplare verkauft wurden). Jeder Autor, der dieses großartige Epos liest, denkt zwangsläufig daran, den Beruf zu wechseln und Rosen zu züchten.

Als Enkel Marryats kann man wohl guten Gewissens einen gewissen Józef Konrad Korzeniowski genannt Joseph Conrad bezeichnen. Er musste die Seefahrt aufgeben, weil er sich auf dem Kongo eine tropische Fieberkrankheit zugezogen hatte, die nicht heilbar war. Er veröffentlichte seinen ersten Roman 1895 (Almayer's Folly – Allmayers Wahn). Alle Werke Conrads hier aufzuführen wäre wohl das, was die Engländer so treffend als „carry coal to Newcastle" bezeichnen. Aber zweifellos gehört auch er zu den Giganten der historisch-maritimen Literatur.

Der einflussreichste Urenkel dürfte zweifellos Cecil Scott Forester sein, dem wir die Hornblower-Saga verdanken. Er hat eine ganze Reihe von Epigonen beeinflusst. Zu nennen wären da neben Woodman und O'Brian auch Lambdin. Die nicht erwähnten Autoren müssen sich nicht beleidigt in die Schmollecke verziehen, denn sie können sich damit trösten, dass sie sich in guter Gesellschaft befinden, denn auch auf Jack London, Sommerset Maugham und andere gewiss lesenswerte, großartige Autoren wird hier nicht eingegangen.

Wer war nur dieser Frederick Marryat? Er wurde 1792 in London geboren. Seine Familie gehörte zur aufstrebenden middling-class (diesen Ausdruck einfach mit Mittelklasse zu übersetzen wäre falsch!) Englands, der Vater verfügte als Abgeordneter des Parlaments über einigen Einfluss und war Beauftragter für die westindische Kolonie Grenada. Seine Mutter, eine geborene von Geyer, stammte aus Deutschland. Sie schenkte fünfzehn Kindern das Leben, Frederik war der Zweitgeborene. Er war ein schwieriges Kind. Er war das, was man früher als Rüpel oder Bengel bezeichnete. Ausgestattet mit einem unbändigen Freiheitswillen und einer tiefen Abneigung gegen jede Autorität – da lässt Peter Simpel grüßen – wurde er meist von Hauslehrern erzogen, aber da er seine Lehrer zu tiefst verabscheute, lief er mehrfach von zu Hause weg.

Was machte man damals in Britannien mit derartigen Jungen? Man schickte sie zur See. Als er vierzehn Jahre alt war, besorgte ihm der Vater durch seine Verbindungen einen Platz auf der H.M.S. Impérieuse, die von Kapitän Lord Cochrane (dieser wäre ganz sicher der berühmteste englische Seeheld seiner Zeit gewesen, hätte es da  nicht einen gewissen Nelson gegeben...) kommandiert wurde. Marryat war dann folgerichtig auch der Erste, der Cochranes ungewöhnliche Persönlichkeit für seine Werke ausgeschlachtet hat, später haben dann auch Forester und O'Brian den Seehelden in ihren Büchern gerne und häufig als Vorlage genutzt.

Marryat rettet 1811 einem vor der Girondemündung über Bord gefallenen Seemann das Leben. Er diente im Mittelmeer, der Karibik und während es Britisch-Amerikanischen Krieges vor der Atlantikküste der USA. Er wurde 1815 zum Commander befördert. Als Bewacher Napoleons kreuzte er mit der Sloop Beaver vor St. Helena. 1817 entwickelte er für die Handelsschifffahrt einen Flaggenkode, der nicht so kompliziert wie der der Navy war – und nicht so viel spezialisiertes Personal  benötigte.

1819 heiratete er Catherine Shairp, mit der elf Kinder hatte.

Auf der Sloop Rosario nahm er die Überwachung  von St. Helena wieder auf und überbrachte 1821 die Nachricht vom Tod des Korsen in die Heimat. 1823 nahm er mit der Korvette Larne am Ersten Anglo-Burmesischen Krieg teil und wurde 1825 auf der Fregatte Tees zum Postcapitain ernannt. In den folgenden Jahren des Friedens wurde er mit Vermessungsarbeiten um Madeira und die Kanarischen Inseln beauftragt, das langweilte ihn. Dazu kam, dass ihn eine Lungenerkrankung plagte, die er sich vermutlich bei seiner Rettungstat in der Biscaya zugezogen hatte. 1830 nahm er seinen Abschied und widmetet sich ganz seinen literarischen Neigungen. Sein erstes Buch war 1829 (The Naval Officer) erschienen.

Warum diese recht umfangreiche Biographie? Ich möchte zeigen, dass dieser Mann das Leben auf den Schiffen der Royal Navy und das Funktionieren sowohl der Bordgemeinschaft, als auch das der Institutionen in- und auswendig kannte. Marryat meisterte die lebensgefährlichen Orkane des Nordatlantiks, den beklemmend dichten Nebel der Nordsee, die enervierenden Flauten der Rossbreiten, die Gefahren der tückischen tropischen Gewässer, einschließlich der dort lauernden gesundheitlichen Risiken, bewältigte die Aufgabe zweihundertfünfzig Männer auf engstem Raum zu verpflegen, zu disziplinieren und zu einer funktionierenden Einheit zusammenzuschweißen, die im Gefecht und bei allen Wetterbedingungen ein so hochkomplexes Gebilde, wie es ein Segelkriegsschiff jener Zeit war, zuverlässig bedienen konnte. Er wusste wie man die Käfer aus dem Schiffszwieback vertreibt, wie halbverdorbenes Salzfleisch, steinharter Uraltkäse und halbverfaultes Trinkwasser schmecken.

Das genau ist die Crux. Einige meiner maritim interessierten Freunde meinen, dass es ausreicht, ein guter Geschichtenerzähler zu sein, um einen erstklassigen Seefahrtsroman zu schreiben – das langt eben nicht! Den Unterschied macht das Salz, das man im Blut haben muss – und genau das ist die Besonderheit, die Marryats Bücher so interessant machen. Zu Unrecht wurde er lange Zeit – besonders in Deutschland – als Kinderbuchautor belächelt. Nur vier seine sechsundzwanzig Werke waren als Kinderbücher konzipiert. Das Einzige, was ich manchmal bedauere, dass dem Autor vieles, über das er schrieb, so selbstverständlich war, dass er auf Einzelheiten verzichtete. Ein Großteil war so sehr Teil seines täglichen Lebens, dass er es nicht der Mühe wert fand, darüber auch nur eine Zeile zu verlieren. Aber auch so ist Marryat eine wertvolle Quelle für das Leben an Bord und an Land der Jahrhundertwende vor gut zweihundert Jahren. Seine Schilderungen bieten elegante und lebensnahe Darstellungen aller denkbaren Aspekte, mit denen sich ein Seefahrer der damaligen Zeit abmühen musste. Nicht zu vergessen ist die ständig präsente kleine Prise britischen Humors, die das Ganze würzt.

Worunter die Akzeptanz der Werke in unserer Zeit allerdings auch gelitten hat, war die Tatsache, dass sie in der Mitte des 19. Jahrhunderts übersetzt worden sind. Das damals verwendete Deutsch kommt uns heute zu Recht „altfränkisch" vor. Dem Kuebler Verlag gebührt das große Verdienst, dass er jetzt eine Neufassung auf den Markt bringt. Es ist zu hoffen, dass das Buch eine große Leserschaft erreicht. Verdient hat es der Urgroßvater von Hornblower, Drinkwater und Aubrey allemal.